Allein in der Stille der Wildnis

Die Naturfotografin Tea Karvinen verbrachte innerhalb von sieben Jahren mehr als 700 Tage in den Nationalparks Finnlands. Das Ergebnis waren Seelenfrieden, tausende Naturfotografien und ein wunderschön illustriertes Foto- und Nachschlagewerk.

Tea Karvinen hat in ihrem Leben alle möglichen Dinge ausprobiert. Sie bereiste die Welt von den ecuadorianischen Regenwäldern bis zu den Savannen Afrikas und von den Korallenriffen Australiens bis in den Himalaya. Egal ob Skeleton, Skifahren, Tauchen oder Fallschirmspringen – Tea Karvinen hat alles ausprobiert. Aber ihre größten Leidenschaften waren und bleiben Natur und Fotografie.

“Ich habe eine große Leidenschaft für das Leben. Ich möchte alle meine Träume verwirklichen und möglichst viele tolle und interessante Dinge tun. Am wichtigsten ist für mich meine Bewegungsfreiheit. Ich möchte nicht, dass meine Arbeit meine Bewegungsfreiheit einschränkt. Von Anfang an habe ich meine Reisen alleine unternommen. Erfolgreich zu sein, hat mir Selbstvertrauen gegeben.”

Sie erinnert sich an eine Herbstnacht, in der sie in Kuhmo Bären fotografierte und über ihr Leben nachdachte.

“Zwei Tage lang war ich mit meinen Gedanken ganz allein in einer kleinen Hütte. Während ich von meinem Versteck aus auf Bären wartete, begann ich darüber nachzudenken, was ich mit meinem Leben tun sollte. Ich erinnerte mich an die Worte des berühmten Naturfotografen Tui De Roy, der einmal zu mir sagte: Wenn du dich als Fotograf von der Masse abheben möchtest, musst du dich spezialisieren. Also entschloss ich mich, die nördliche und arktische Natur und Kultur zu meinem Fachgebiet zu machen.“

Ihre Suche nach Fotomotiven brachte Tea Karvinen unter anderem nach Alaska, Nordkanada, Spitzbergen und Grönland.

“Im Norden sowie im Südosten Grönlands gibt es viele einzigartige, völlig unbewohnte Orte. An diesen Orten umgibt dich eine vollständige Stille und ein völliger Frieden und du bist ganz allein. Mittlerweile reicht mir dieser Frieden, den mir die nördliche Natur schenkt. Ich sehne mich nicht mehr danach, aufregende Dinge zu tun.”

Tea Karvinen hat in den 1990ern an der Alaska University Fotojournalismus studiert. Ihre visuelle Erzählung lässt eine starke Weltsicht erkennen.

“Mit meinen Naturfotografien und Geschichten möchte ich den Menschen von der Schönheit der Welt erzählen. Ich möchte sie dazu ermuntern, die Schönheit um uns herum zu erforschen. Man muss für eine solche Erfahrung nur in den nächsten Wald zu gehen.”

Eine Kanutour im Päijänne-Nationalpark

Mehr Nationalparks als irgendwo sonst in Europa

2010 hat Tea Karvinen den Entschluss gefasst, alle finnischen Nationalparks während unterschiedlicher Jahreszeiten zu fotografieren. In Finnland gibt es 40 Nationalparks. Das sind mehr als irgendwo sonst in Europa. Auf der europäischen Seite Russlands gibt es genauso viele. Gefolgt von Norwegen (36) und Schweden (29). Über die weltweit absolut größte Anzahl an Nationalparks verfügt Australien (685), das natürlich auch ein riesiges Land ist. Finnlands Nationalparks erstrecken sich über 10.000 Quadratkilometer und einige von ihnen befinden sich in Seegebieten oder an Seeplatten. Die finnischen Nationalparks sind weitgehend unbewohnt und schützen eine äußerst vielfältige und außergewöhnliche Natur. Das Ziel der Nationalparks ist es, die sogenannte nationale Landschaft zu bewahren. Solche Landschaften findet man beispielsweise in Pyhätunturi, Pallastunturi und Koli.

2017, sieben Jahre später, hatte Tea Karvinen ihr Vorhaben erfüllt. Sie hatte über 700 Tage in den finnischen Nationalparks verbracht. Es ist wohl niemand vor ihr so lange in so vielen finnischen Nationalparks gewesen.

Das Ergebnis waren eine Fotoausstellungstournee, Diavorträge und ein Fotografiebuch (Kansallispuistot – maamme luonnon helmet). In ihrem Buch führt Tea Karvinen mithilfe von hunderten Fotografien in die Welt der Nationalparks ein und interviewt Parkarbeiter, Guides, Wanderer, Fischer und Menschen ähnlicher Berufsgruppen. Jeder Nationalpark erzählt seine eigene Geschichte. Es ist kein Wunder, dass das Buch ein Erfolg ist.

Auf Tea Karvinens Fotos wird die Natur majestätisch zerklüftet dargestellt. Ruhe und Frieden erfüllen den Geist. Wenn sie Menschen fotografiert, erscheinen sie in Harmonie mit der Natur. Rentier-Hirten, die in Pyhä-Luosto ihre Rentiere zusammentreiben. Goldwäscher am Lemme. Kanus, die ruhig durch die Flussengen des südlichen Konnevesi-Nationalparks gleiten. Eiswanderer, die einen sonnigen Wintertag unter einem weißen Himmel genießen, während sie im Linnansaari-Nationalpark eislaufen. Maränenfischer, die an den Ufern des Suomunjärvi-Sees im Patvinsuo-Nationalpark ihre Netze flicken. Mountainbiker auf neu markierten Radwegen im Hossa-Nationalpark. Ein Wanderer mit seinem Hund auf dem Gipfel des Riisitunturi. Jemand, der mit geschlossenen Augen eine alte Espe umarmt. Menschen alle Art, alle verbunden durch ihre Liebe zur Natur.

Für Tea Karvinen ist die Natur sowohl ein physischer als auch ein spiritueller Ort.

“Manche Menschen glauben, dass es an bestimmten Orten Lebensformen gibt, die wir nicht sehen können. Ich selbst glaube an die spirituelle Welt der Natur. Sie schien mir immer etwas Normales zu sein. Die Welt und die Wahrheit umfassen viel mehr, als wir sehen oder hören können – und die Natur ist ein wesentlicher Teil hiervon. Der Mensch kann ohne die Natur nicht überleben. Die Natur braucht den Menschen nicht, aber der Mensch braucht die Natur.”

“Ich glaube sehr daran, dass mein Leben von Intuition geleitet wird. Ein höheres Ich, dass mit höheren Mächten in Verbindung steht. Der Mensch sollte auf seine Intuition hören, die Dinge in einer größeren Perspektive zeigt. Ich verbringe viel Zeit alleine in der Stille der Natur. Das hilft mir, die richtigen Dinge und Antworten zu finden.”

Espenwald im Süden des Konnevesi-Nationalparks.

Eine saubere Natur ist nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit

Auf den Fotografien von Tea Karvinen erstrahlt die finnische Natur in ungeheuerlicher Reinheit. Die Seen und Flüsse Finnlands sind in einem exzellenten Zustand und die Luftqualität zählt zu den besten der Welt. Finnland ist auch eines der meist bewaldeten Länder der Welt. Doch leider ist eine saubere Natur nicht überall auf der Welt selbstverständlich.

“Es gibt viele Orte auf dieser Welt, an denen man die Luft nicht atmen kann. Ein Tag in Delhi ist wie zwei Schachteln Zigaretten am Tag zu rauchen. Ein ebenfalls nicht selbstverständlicher Aspekt ist Wasser. In vielen Ländern kann man das Wasser nicht trinken, weder in der Natur, noch aus dem Hahn. Saubere Luft und klares Wasser sind große Privilegien, die in Finnland Standard sind. Ich wünsche mir, dass die Menschen das verstehen und schätzen.”

Skifahren im Pallas-Yllästunturi-Nationalpark im April.

Für Tea Karvinen ist auch das Recht auf Bewegungsfreiheit einzigartig. In Finnland, Schweden und Norwegen gilt das Jedermannsrecht: Jeder hat das gesetzliche Recht, sich frei in der Natur zu bewegen. Jeder kann sich frei bewegen und den Reichtum der Natur genießen, egal wem das jeweilige Land gehört. Soweit gesetzlich zulässig, ist keine Genehmigung des jeweiligen Landbesitzers erforderlich und auch die Ausübung des Rechts ist kostenlos. Diese Gesetze der nordischen Länder stammen aus dem 16. Jahrhundert. Ihre Wurzeln finden sich in der Kultur der Jäger und Sammler der damaligen Zeit. Die Rechte ermöglichten es den Menschen, ihren täglichen Tätigkeiten nachzugehen und von Ort zu Ort zu ziehen.

“Wir können dankbar sein, dass wir uns in Finnland frei in der Natur bewegen dürfen.”

Ari Turunen, Uptopoint

 

TOP 20 der Länder mit den meisten Nationalparks

“Mit meinen Naturfotografien und Geschichten möchte ich den Menschen von der Schönheit der Welt erzählen. Ich möchte sie dazu ermuntern, die Schönheit um uns herum zu erforschen. Man muss für eine solche Erfahrung nur in den nächsten Wald zu gehen.”

 

Tea Karvinen: The National Parks of Finland

http://www.teakarvinen.com/book/

 

Fotografien der finnischen Nationalparks von Tea Karvinen


http://www.teakarvinen.com/national-parks/

 

Die Finnischen Nationalparks

http://www.nationalparks.fi/en/welcome